Liebe Manuela, vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast! Wir freuen uns sehr, mehr über dich, deine künstlerische Arbeit und insbesondere deine Serie Nature meets Urban zu erfahren, in der du Natur und Industriekultur auf ganz besondere Weise miteinander verbindest.
Lass uns direkt mit der ersten Frage beginnen: Für alle, die dich und deine Kunst zum ersten Mal entdecken: Kannst du dich kurz vorstellen und erzählen, wie dein künstlerischer Weg begonnen hat?
Ich bin Manuela Lohmann, autodidaktische Aquarellkünstlerin und Urban Sketcherin. Ich komme aus der Nähe von Hamburg und lebe seit mehr als 20 Jahren im Saarland. Vielleicht interessiert mich gerade deshalb der scheinbare Widerspruch zwischen Nähe und Weite, Natur, Stadt und Industriekultur.
Der Enge meiner Kindheit habe ich früh durch Malen und Zeichnen zu entfliehen versucht. Die Kreativität gibt mir Ruhe und Entspannung, und ich genieße es, ganz in den Flow einzutauchen.
Ich male und zeichne jeden Tag. Auf Spaziergängen kann es passieren, dass mich nicht das große Bauwerk festhält, sondern eine Pflanze am Wegrand, Türen in ungewöhnlichen Farben oder ein Schatten auf einer alten Mauer. Solche scheinbaren Nebensachen werden später zum Ausgangspunkt eines ganzen Bildes.

Du bezeichnest dich selbst als Sammlerin der Augenblicke. Was bedeutet diese Idee für dich, und wie beeinflusst sie die Art, wie du Orte, Licht und flüchtige Details in deinen Arbeiten beobachtest und festhältst?
Die Bezeichnung Sammlerin der Augenblicke stammt von dem Schriftsteller Christian Malessa. Im Sommer 2022 sah er mich am Saarufer in Merzig, vertieft in mein Skizzenbuch, während ich das historische Treidelschiff Anna-Leonie zeichnete. Gemeinsam mit dem Fotografen Michel von Boch arbeitete er an ihrem Buch „Am stillen Fluss – Begegnungen entlang der Saar“. Aus dieser zufälligen Begegnung entstand das Kapitel „Die Sammlerin der Augenblicke – Manuela und die Anna-Leonie“ in ihrem Buch.
Als ich das Kapitel las, war ich überrascht, wie treffend der Autor meine Arbeitsweise beschrieben hatte. Mir selbst war bis dahin nicht bewusst, dass ich tatsächlich Augenblicke sammle. Heute sage ich: Ich sammle keine Sehenswürdigkeiten. Ich sammle Augenblicke.
Dabei interessieren mich nicht nur die offensichtlichen Ansichten. Oft bleibt mein Blick gerade an dem hängen, was daneben wächst, verwittert, Schatten wirft oder leicht übersehen wird. Bei alten und neuen Gebäuden frage ich mich, was sie im Laufe der Zeit erlebt haben. Besonders Türen ziehen mich an: Ihre Gestaltung ist individuell, sie verbergen Räume und Geschichten.
Licht und Schatten verstärken für mich die Spannung zwischen Sichtbarem und Unentdecktem, Unbekanntem. Farbe bringt Leben hinein. Sie kann leise oder aufdringlich, warm oder kühl, verspielt oder ernst wirken. Augenblicke wahrzunehmen und in einem Bild bewahren zu können, empfinde ich als Geschenk.

Wie würdest du deine künstlerische Arbeitsweise beschreiben, und mit welchen Zeichen- und Malmedien arbeitest du am häufigsten?
Mein wichtigstes Medium ist Aquarell. Häufig beginne ich mit einer leichten Bleistiftzeichnung, ergänze ausgewählte Linien mit wasserfester Tinte und bringe anschließend Farbe ins Bild. Je nach Motiv nutze ich außerdem Aquarellmarker, Künstleraquarellstifte oder einzelne deckende Akzente mit Acrylmarkern.
Meine Arbeiten verbinden genaue Beobachtung mit einer lockeren, ausdrucksstarken Aquarellmalerei. Ich plane die Komposition sorgfältig, möchte das Aquarell aber nicht vollständig kontrollieren. Wasser und Farbe dürfen eigene Spuren hinterlassen. Freie Verläufe, Spritzer und lebendige Linien stehen neben bewusst ausgearbeiteten Details. Gerade aus diesem Gegensatz entsteht für mich Lebendigkeit.
Zu vielen Motiven recherchiere ich ihre Geschichte und Bedeutung. Dabei geht es mir nicht ums Bewerten, sondern darum, Neues zu entdecken und vertraute Orte aus einer anderen Perspektive zu sehen. Meine Skizzenbücher bewahren Beobachtungen, Farbtests und Kompositionsideen. Künstler wie Felix Scheinberger, Jens Hübner, Gris und Albert Rissler haben meinen Blick auf lockeres, erzählerisches Zeichnen und Aquarellieren beeinflusst.
Kannst du uns durch deinen kreativen Prozess führen – von den ersten Beobachtungen und Farbtests im Skizzenbuch über die Entwicklung der Komposition bis zum fertigen Kunstwerk?
Am Anfang steht meist eine Beobachtung: ein besonderer Lichteinfall, eine Farbe, eine Form oder ein Gegensatz. Ich halte das Motiv in einer Skizze, einem Foto oder einer Notiz fest und recherchiere anschließend den Ort, das Gebäude oder die Pflanze. Dieses Wissen kann die Gestaltung beeinflussen, ohne dass das Bild zu einer dokumentarischen Darstellung werden muss.
Im Skizzenbuch entwickle ich eine kleine Kompositionszeichnung. Ich ordne die Elemente, prüfe ihre Größenverhältnisse und verteile helle und dunkle Flächen. Dabei achte ich auf einen klaren Blickfang und eine Führung durch das Bild. In meiner Bildserie „Nature meets Urban“ verändere ich die Größen von Architektur und Pflanze bewusst, bis die gewünschte Spannung entsteht.
Danach teste ich Farbharmonien und Kontraste im Skizzenbuch und wähle das passende Papier. Entscheidend sind Oberfläche, Wasseraufnahme, Format, Grammatur und Papierfarbe.
Auf dem endgültigen Papier zeichne ich die Proportionen leicht mit Bleistift vor und ergänze je nach Motiv wasserfeste Tinte. Danach folgt die Aquarellfarbe. Das vermeintlich fertige Bild lasse ich einige Zeit ruhen. Mit Abstand sehe ich klarer, ob noch ein gezielter Akzent fehlt.
Deine Serie Nature meets Urban verbindet Architektur und Industriekultur des Saarlandes mit vergrößerten botanischen Elementen. Was hat dich zu dieser Kombination inspiriert, und was fasziniert dich daran, Natur und urbane Strukturen zusammenzubringen?
Im Saarland liegen Natur, Architektur und Industriekultur eng beieinander. Förderanlagen, alte Werkstätten, historische Fassaden und moderne Glasflächen treffen auf Pflanzen an Wegrändern, auf Brachen oder mitten in der Stadt. Mich interessieren nicht nur schöne Ansichten, sondern gerade auch Brüche, Gebrauchsspuren und unerwartete Symbiosen.
Die Pflanzen sind dabei kein schmückendes Beiwerk. Ich vergrößere sie und gebe ihnen denselben Stellenwert wie der Architektur. In meinen Bildern können Vogelbeeren so präsent sein wie das Saarpolygon; eine dornige Karde kann einem Förderturm gegenübertreten. Mich interessiert der Moment, in dem sich die gewohnte Rangordnung verändert: Das Übersehene wird groß, das Monumentale bekommt ein Gegenüber.
Bei der Auswahl achte ich neben Form und Farbe auch auf den Charakter, die Symbolik und den Standort der Pflanze. So entstehen Beziehungen zur Geschichte und Wirkung des Bauwerks. Ich möchte vertraute Orte nicht romantisieren, sondern ihre Eigenart bewahren und sie zugleich aus einem unerwarteten Blickwinkel zeigen.
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Wie entstand die Idee zu Nature meets Urban, und was möchtest du, dass die Betrachterinnen und Betrachter beim Ansehen der Serie entdecken oder empfinden?
Nature meets Urban entstand aus zwei Interessen, die mich schon lange begleiten: Urban Sketching und Naturbeobachtung. Auf meinen Wegen durch das Saarland begegnen mir historische Fassaden und Industriekultur ebenso wie unscheinbare Wildpflanzen. Irgendwann begann ich, beide Motivwelten nicht nur nebeneinander zu zeigen, sondern miteinander in Beziehung zu setzen.
Durch die Arbeit an der Serie habe ich das Saarland selbst intensiver kennengelernt. Für jedes Motiv beschäftige ich mich mit dem Ort, seiner Architektur und einer Pflanze, die symbolisch oder inhaltlich dazu passt. Dabei entdecke ich historische Zusammenhänge und botanische Besonderheiten, an denen ich früher vielleicht vorbeigegangen wäre. Mit jedem Bild wächst meine Beziehung zu meiner Wahlheimat.
Ich wünsche mir, dass die Farben und ungewohnten Kontraste zunächst neugierig machen und zum genaueren Hinsehen einladen. Vielleicht erkennen die Betrachtenden einen vertrauten Ort neu oder entdecken eine bisher übersehene Pflanze. Am schönsten wäre es, wenn sie anschließend auch ihre eigene Umgebung aufmerksamer wahrnehmen. Vielleicht beginnt ein eigener Stil dort, wo man aufhört, nur nach einem schönen Motiv zu suchen, und ernst nimmt, was den eigenen Blick tatsächlich festhält.
Welche Rolle spielt Papier in deinem kreativen Prozess, und welche Eigenschaften sind dir bei der Auswahl eines Papiers besonders wichtig?
Papier ist für mich kein neutraler Untergrund. Es entscheidet mit, ob eine Farbe leuchtet, sich zurücknimmt, eine harte Kante bildet oder weich weiterfließt. Auch Oberfläche und Eigenfarbe prägen die Atmosphäre eines Bildes. Manchmal bringt mich gerade ein bestimmtes Papier auf eine Bildidee, die auf einem anderen Untergrund nicht entstanden wäre.
Technisch sind mir eine kontrollierbare Wasseraufnahme, leuchtende Farben und genügend Zeit für Verläufe und Nass-in-Nass-Flächen wichtig. Ich prüfe außerdem, wie gut sich Farbe auswaschen lässt, wie das Papier auf größere Wassermengen reagiert und wie angenehm sich Bleistift und wasserfeste Tinte darauf führen lassen.
Nicht jedes Papier eignet sich für jede Technik oder Bildidee. Deshalb lerne ich seine Reaktion auf Farbe und Wasser kennen, bevor ich es für ein Projekt auswähle. Papier ist zugleich ein wertvoller Werkstoff. Neue Fasern und Herstellungsverfahren, die Nachhaltigkeit mit überzeugenden künstlerischen Eigenschaften verbinden, unterstütze und begrüße ich vollends.

Du hast mit verschiedenen Papieren von Hahnemühle gearbeitet, darunter Sugar Cane Watercolour, Agave Watercolour und Bamboo Mixed Media. Wie beeinflussen die unterschiedlichen Oberflächen und Eigenschaften deinen Einsatz von Aquarellfarbe, Tinte und anderen Medien? Gibt es bestimmte Eigenschaften, die du an den jeweiligen Papieren besonders schätzt?
Mit Hahnemühle-Papieren arbeite ich seit längerer Zeit. Für die ausgearbeiteten Werke meiner Serie Nature meets Urban verwende ich Echt Bütten mit 300 g/m², für Kompositionsstudien und Farbtests häufig das Watercolour Book aus 100 Prozent Baumwolle. Außerdem nutze ich Toned Watercolour in Grau und Natur, verschiedene Skizzenbücher sowie Britannia, Cornwall und Bamboo Mixed Media.
Die drei Papiere habe ich inzwischen mit denselben Farben und Techniken direkt miteinander verglichen: mit Farbverläufen, Nass-in-Nass-Flächen, Lasuren, Auswaschungen sowie mit Tinte, Aquarellmarkern und Aquarellstiften. Dabei ging es mir nicht darum, einen allgemeinen Testsieger zu bestimmen. Mich interessierte, wie unterschiedlich die Papiere reagieren und welches davon meine derzeitige Arbeitsweise am besten unterstützt.
Sugar Cane Watercolour benötigt nach meiner Erfahrung vergleichsweise wenig Wasser und muss nicht vollständig vorgenässt werden. Die Farben verlaufen besonders gleichmäßig, ohne dass sich störende Pfützen bilden. Auch Lasuren gelingen gut, ohne die erste Farbschicht sofort wieder anzulösen. Die Granulation wirkt eher fein. Die wasserfeste Tinte ließ sich gut auftragen; der Füller glitt besser über die Oberfläche als der Fineliner. Für meine derzeitige lockere und fließende Aquarellmalerei passt Sugar Cane deshalb momentan am besten.
Bamboo Mixed Media empfinde ich in der Anwendung als sehr angenehm. Die Farben gleiten gut über die Oberfläche und lassen sich weich und kontrolliert auftragen; auch mit mehr Wasser kommt das Papier gut zurecht. Agave Watercolour nimmt die Farbe ebenfalls gut auf. Die Pigmente wirken darauf besonders kräftig, zugleich etwas dunkler. Aquarellmarker und Albrecht-Dürer-Aquarellstifte erscheinen auf Agave besonders intensiv. Beim Ablösen von Klebeband reagierte die Oberfläche allerdings empfindlicher.

Gibt es neue Ideen, Kunstwerke oder Projekte, an denen du aktuell arbeitest und die du gerne vorstellen möchtest?

Aktuell führe ich Nature meets Urban Saarland weiter. Inzwischen sind mehrere neue Arbeiten entstanden, darunter das Ellenfeld-Stadion mit Hagebutten, der Beckerturm mit Hopfen und Linienwechsel mit Saarbahn und Mohn. Diese drei Bilder habe ich auf Sugar Cane Watercolour gemalt. So wurde aus dem Papiertest zugleich eine praktische Erprobung innerhalb meiner Serie.
Außerdem möchte ich eine frühere Idee wieder aufnehmen: eine kleine Reihe über Heilpflanzen. Geplant sind lockere Aquarelle, ergänzt durch kleine Glasgefäße mit getrockneten Teilen der jeweils dargestellten Pflanze. Mich interessiert die Verbindung von Bild, Material und botanischem Wissen.
Ich möchte meine künstlerische Handschrift weiterentwickeln, das Saarland weiter erkunden und meine Arbeiten auch über die Region hinaus sichtbar machen. Dabei möchte ich neugierig bleiben: auf Orte, Pflanzen, neue Perspektiven, andere Sichtweisen und auf die Augenblicke, die sich nicht planen lassen.
Vielen Dank, liebe Manuela, für diesen inspirierenden Einblick in deine kreative Welt! Deine besondere Art, Natur und Architektur miteinander zu verbinden und dabei auch die kleinen, oft übersehenen Details in den Mittelpunkt zu rücken, lädt dazu ein, die eigene Umgebung mit neuen Augen zu entdecken.
Wir sind gespannt, welche Augenblicke du als Nächstes in deinen Aquarellen festhältst, und wünschen dir weiterhin viel Freude und Erfolg bei deinen kreativen Projekten!








