Liebe Kiara, es ist schön, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. Wir freuen uns sehr, mehr über dich, deine Arbeit und vor allem dein neues Buch Watercolor Wizardry zu erfahren.
Lass uns direkt mit der ersten Frage einsteigen: Für Leser, die dich und deine Arbeit vielleicht zum ersten Mal entdecken: Wer ist Kiara Maharaj und wie hat deine Reise in die Welt der Kunst begonnen?
Mein Name ist Kiara, ich bin Illustratorin und Autorin aus Südafrika. Ich habe schon immer gerne Geschichten erzählt – in jeder Form, die mir zur Verfügung stand. Bereits in der Grundschule hatte ich die Angewohnheit, mir neue Welten auszudenken, kurze Geschichten darin zu schreiben und sie mit meinen Mitschülern zu teilen. Allerdings waren die anderen Kinder immer noch interessierter, wenn es Illustrationen zu den Geschichten gab. Deshalb begann ich auch, die Charaktere, Schauplätze und Szenen zu zeichnen. Ich erinnere mich einfach daran, wie viel Spaß ich immer hatte, wenn ich gezeichnet oder eine neue Welt erschaffen habe – so hat alles angefangen. Mit der Zeit, als ich mir mehr Kunstmaterial leisten konnte, begann ich auch mit anderen Formen des Storytellings zu experimentieren. Heute ist das Illustrieren meiner Geschichten ein zentraler Bestandteil meines kreativen Prozesses geworden – es hilft dabei, die Aufmerksamkeit zu gewinnen und Menschen in eine neue Welt eintauchen zu lassen.
Du bist sowohl Illustratorin als auch Autorin. Wie beeinflussen sich Storytelling und visuelle Kunst in deiner kreativen Arbeit gegenseitig?
Ich denke, visuelle Kunst bzw. Illustration ist eine von vielen Formen des Storytellings. In meiner persönlichen Entwicklung war ich zunächst Autorin, vor allem weil es eine sehr zugängliche Art war, kreativ zu sein – ich brauchte nichts außer Stift und Papier.

Geschichten zu schreiben war mein Ventil, meine Art, neue Welten zu erschaffen und sie so detailliert wie möglich zu beschreiben. Ich liebe außerdem Sprachen und all die verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten, die einem als Autor zur Verfügung stehen. Kurzgeschichten haben sich für mich immer sehr kraftvoll angefühlt – wie Telepathie. Eine Geschichte von meinem Kopf in deinen.
Mit der Zeit, als ich mir mehr Kunstmaterial leisten konnte, begann ich auch mit anderen Formen des Storytellings zu experimentieren. Heute ist das Illustrieren meiner Geschichten ein zentraler Bestandteil meines kreativen Prozesses geworden – es hilft dabei, die Aufmerksamkeit zu gewinnen und Menschen in eine neue Welt eintauchen zu lassen.

In deinen Illustrationen arbeitest mit Aquarell und Gouache. Was gefällt dir an diesen beiden Medien und wie ergänzen sie sich in deiner Arbeit?
Gouache und Aquarell sind wie Schwestern. Ich habe zuerst mit Aquarell gearbeitet, und als ich es mir leisten konnte zu experimentieren, habe ich mein erstes Gouache-Set gekauft. Seitdem ist Gouache mein Lieblingsmedium geworden – vor allem wegen der schönen matten Oberfläche.
Viele Techniken lassen sich sowohl mit Aquarell als auch mit Gouache anwenden, wie Nass-in-Nass oder Trockenbürsten. Zusätzlich liebe ich an Gouache, dass sie deckender ist. Mit sorgfältigem Schichten und Mischen können Gouache-Illustrationen fast wie digitale Renderings wirken – das finde ich unglaublich befriedigend. Heute nutze ich oft beide Medien zusammen, zum Beispiel Aquarell für die Untermalung und Gouache für die finale Ausarbeitung.
Kannst du uns etwas über deinen typischen kreativen Prozess erzählen, wenn du ein neues Werk beginnst?
Alles beginnt, wenn ich mich inspiriert fühle oder eine Idee für einen neuen Charakter, ein Abenteuer oder eine Szenerie habe. Die besten Ideen kommen meistens, wenn ich meinen Gedanken freien Lauf lasse – ganz ohne äußere Ablenkung. Ich sehe Inspiration eher als etwas, das man wahrnimmt, anstatt darauf zu warten.
Wenn ich zum Beispiel spazieren gehe, entdecke ich vielleicht einen interessant geformten Baumstumpf und frage mich: Was befindet sich darin? Wie ist er dorthin gekommen? Was macht er jetzt? Hat er einen Namen? Ist er Freund oder Feind? Und daraus beginnt sich eine Geschichte zu entwickeln. Ich zeichne solche Dinge oft in mein Skizzenbuch und schaue sie manchmal jahrelang nicht mehr an. Oder sie werden später zu einem größeren Bild und einer fertigen Kurzgeschichte, die all diese Fragen beantwortet.
Was den technischen Teil meines Prozesses betrifft, beginne ich meist mit einer sehr groben Bleistiftskizze – schnell und ohne Druck. Diese entwickle ich weiter zu einer detaillierteren Zeichnung, die ich anschließend auf Aquarellpapier übertrage, zum Beispiel auf mein Agave Watercolour Papier. Danach erstelle ich eine Untermalung mit Aquarellfarben wie Payne’s Grey oder Burnt Umber. Selbst wenn ich später mit Gouache arbeite, hilft mir diese Untermalung dabei, Licht und Schatten zu definieren, Materialien zu verstehen und viele Entscheidungen zu treffen, bevor Farbe ins Spiel kommt. Zum Schluss male ich die einzelnen Bereiche mit Gouache aus, mische Farben, passe alles immer wieder an – das ist der spaßigste Teil.
Deine Illustrationen zeigen oft magische Waldlandschaften mit Pflanzen, Pilzen und kleinen Wesen. Was inspiriert dich dabei?
Das stimmt – die meisten meiner Illustrationen zeigen Wälder und magische Bäume. Angefangen hat alles damit, dass ich meine Fantasy-Kurzgeschichtenreihe The Polkadot Files illustrieren wollte, deren Hauptschauplatz ein geheimnisvoller Wald mit Portalen in jedem Baum ist. Danach habe ich einfach eine große Leidenschaft für das Malen von Bäumen und Pflanzen entwickelt. Dunkle, dichte, geheimnisvolle Wälder haben für mich so viel Magie – ich möchte am liebsten selbst dorthin entfliehen.


Du hast kürzlich dein Buch Watercolor Wizardry veröffentlicht, das ebenfalls solche fantasievollen Waldszenen zeigt. Was hat dich dazu inspiriert?
Ein Verlag ist auf mich zugekommen, um gemeinsam die Möglichkeit zu erkunden, ein Buch zu veröffentlichen – mit 25 Schritt-für-Schritt-Anleitungen zum Malen von Waldszenen in Aquarell. Vor diesem Buch habe ich meine Projekte ausschließlich selbst veröffentlicht und wollte schon lange einmal den traditionellen Veröffentlichungsprozess kennenlernen. Deshalb war ich unglaublich dankbar für diese Chance, und mein Verlag hat mich auf dem gesamten Weg sehr unterstützt.
Während der Arbeit an dem Buch habe ich mich motiviert gehalten, indem ich den gesamten Prozess dokumentiert und täglich sogenannte „Book Logs“ auf meinem Patreon-Blog geschrieben habe. Zu sehen, wie viel Begeisterung das bei anderen auslöst – und wie viel Freude es Menschen macht, einen kleinen Pilz mit Aquarell zu malen – macht mich unglaublich glücklich. Ich würde sehr gerne weitere Tutorial-Bücher gestalten, um diese Freude am Malen weiterzugeben und die Fantasie der Menschen wieder zu entfachen.
Das Buch verbindet Aquarell-Tutorials mit Storytelling und Fantasie. Wie bist du auf diese Idee gekommen?
Ich liebe Bücher – besonders diesen „telepathischen“ Aspekt. Ein Buch ermöglicht es, dass so viele Gedanken von einem Kopf in den anderen übertragen werden. Bücher können sich auch wie Begleiter anfühlen – manchmal stelle ich mir vor, dass sie mit einer eigenen Persönlichkeit zu mir sprechen.
Wenn ich als Kind ein Buch gefunden habe, das besonders immersiv oder interaktiv geschrieben war, hat es mich sofort gepackt. Beispiele dafür sind die Discworld-Reihe von Terry Pratchett oder A Series of Unfortunate Events von Lemony Snicket. Diese Autoren erschaffen nicht nur eine Welt – sie sprechen direkt mit dem Leser und ziehen ihn hinein. Das sind meine größten Inspirationsquellen.
Als ich an Watercolor Wizardry gearbeitet habe, bestand meine Aufgabe darin, 25 Tutorials zum Malen von Fantasy-Waldszenen zu erstellen. Aber der Storyteller in mir wollte nicht, dass es einfach nur ein weiteres Tutorialbuch wird. Ich wollte etwas schaffen, das immersiver ist und bei dem man gleichzeitig lernt.
Was war dir bei der Gestaltung der Tutorials besonders wichtig, damit Leser ihnen gut folgen und ihre Fähigkeiten weiterentwickeln können?
Mir war es am wichtigsten, in jedem Schritt möglichst viele Informationen zu vermitteln. Ich habe die genauen Farbmischungen für jeden Schritt angegeben und auch erklärt, warum ich diese Farben gewählt habe – genau das hätte ich mir gewünscht, als ich selbst angefangen habe zu malen.
Das Buch sollte also nicht nur ein einfaches „Schritt-für-Schritt-Mitmachbuch“ sein, sondern tiefer gehen und den Lesern helfen, ihre eigene Technik und ihren eigenen Stil zu entwickeln. Ein weiterer wichtiger Aspekt war für mich, die Leser immer wieder zu ermutigen und ihre bisherigen Fortschritte wertzuschätzen. Sie daran zu erinnern, dass es keine Fehler gibt und nichts „falsch“ sein kann. Malen soll frei und meditativ sein und die Fantasie anregen – und genau diese Gedanken wollte ich im Buch immer wieder aufgreifen.
Für wen ist das Buch gedacht – eher für Anfänger, Fortgeschrittene oder für alle, die gerne in fantasievolle Welten eintauchen?
Für alle drei! Ich glaube, Anfänger können enorm von den Herausforderungen in jedem Tutorial profitieren und gleichzeitig all die Informationen aufnehmen, die ich mir selbst gewünscht hätte, als ich angefangen habe. Fortgeschrittene Künstler können den Prozess eines anderen Künstlers kennenlernen, die Tutorials ausprobieren und die Szenen nach ihren eigenen Vorstellungen verändern. Und natürlich ist das Buch für alle gedacht, die gerne in andere Welten eintauchen. Letztendlich lädt es dich ein, dir vorzustellen, selbst ein Zauberer zu sein – und zeigt, dass Malen mit Aquarell im Grunde eine Form von Magie ist.

Für deine Bücher und Tutorials empfiehlst du bestimmte Materialien. Welche Hahnemühle-Papiere würdest du besonders empfehlen und warum?
Mein aktuelles Lieblingspapier von Hahnemühle ist das Agave Watercolour Papier. Ich habe es während einer Experimentierphase entdeckt und mich sofort in das Ergebnis verliebt. Die Oberfläche hat eine Struktur, die Aquarellillustrationen diesen alten, nostalgischen Look verleiht – fast wie die Märchenillustrationen in alten Büchern.
Außerdem ist das Papier sehr stabil und hält viele Wasserschichten aus, ohne sich zu wellen – das ist für jeden, der mit Aquarell arbeitet, essenziell. Ich habe dieses Papier für den Großteil der Illustrationen in Watercolor Wizardry verwendet und kann es jedem empfehlen, der diesen märchenhaften, klassischen Look mag.
Als Künstler ist es unsere Aufgabe, die Realität aus unserer eigenen Perspektive zu filtern – und diese Perspektive ist bei jedem Menschen einzigartig. Niemand nimmt die Welt auf exakt die gleiche Weise wahr. Deshalb würde ich jedem raten, äußere Einflüsse auszublenden und auf diese innere Stimme zu hören – auf das Gefühl, das entsteht, wenn man einen Schmetterling sieht, eine bestimmte Farbe oder irgendetwas, das einen fasziniert.
Folgt diesem Gefühl – immer und überall. Führt ein Skizzenbuch und zeichnet alles, was euch begeistert. Mit der Zeit entwickelt ihr so eure ganz eigene künstlerische Stimme.
Gibt es aktuelle Projekte oder Ideen, an denen du gerade arbeitest und die du mit uns teilen möchtest?
Ja! Ich arbeite aktuell an einem weiteren Worldbuilding-Projekt in Form eines Buches. Darin geht es um die Welt der Papageien-Zauberer, die ich seit fast zwei Jahren zeichne – inspiriert von meinem eigenen Halsbandsittich.
Bisher habe ich bereits viel über das Magiesystem dieser Papageien-Zauberer geschrieben, über den Aufbau ihrer Welt, woher ihre Magie stammt und warum sie tun, was sie tun. Und natürlich darüber, welche chaotischen Abenteuer sie erleben.
Ich habe unglaublich viel Spaß an diesem Projekt – es ist im Moment mein absolutes Herzensprojekt, und ich tauche jeden Tag tiefer in diese Welt ein und entwickle neue Geschichten. Gleichzeitig versuche ich, so detaillierte Illustrationen wie möglich dafür zu gestalten. Ich wünsche mir, dass es ein Buch wird, in dem man stundenlang blättern und immer wieder Neues entdecken kann. Wann und wo es veröffentlicht wird, weiß ich noch nicht – aber ich hoffe sehr, dass die Menschen die Reise genießen werden, sobald es soweit ist.

Wow, das klingt wunderbar! Vielen Dank, liebe Kiara, für diesen inspirierenden Einblick in deine kreative Welt. Deine Leidenschaft für Storytelling und Illustration ist in allem spürbar – und macht sofort Lust, selbst zum Pinsel zu greifen und in neue Welten einzutauchen. Wir wünschen dir weiterhin viel Erfolg und freuen uns darauf, dich und deine Projekte auch in Zukunft zu begleiten.














